Chronik

Chronik der Freiamtsgemeinde Unterdorf Lauterbach 1904 – 2004

Ausführliche Textversion (PDF) in der Kräz 26. Von Hans Hekler
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Enges „gemüthliches“ Familienleben

Das Frei-Amt Unterndorf bezweckt den Schutz und die Rechte Förderung der Rechte u. Interessen seiner Bürger auf gesetzlichen Wegen. Das Frei-Amt erstrebt hauptsächlich ein enges gemüthliches Familienleben zu führen.“ So lautet § 1 der am 14. Februar 1904 in einer „Bürgerversammlung“ im „Badischen Hof“, dem heutigen „Deutschen Hof“, beschlossenen „Frei-Amtsordnung“ und in § 2 wird erläutert, wie dies erreicht werden soll: „Dieser Zweck soll erreicht werden durch ein Waldfest Sommerzeit u. durch ein(en) Familienabend Winterzeit.“

Dieser Versammlung waren seit Beginn des Jahres 1904 zahlreiche Aktivitäten vorausgegangen, welche zur Gründung und Organisation dieser zweitältesten Bürgervereinigung in Lauterbach führten. (Die älteste ist die 1894 gegründete Vereinigung „Gesangverein Bremenloch“.) So trafen sich am Freitag, den 1. Januar interessierte Bürger – ausschließlich Arbeiter und kleine Handwerker – im Gasthaus zum „Badischen Hof“, um unter der Versammlungsleitung des Fabrikarbeiters Pius Hug (1865 – 1918), das Freiamt Unterndorf (so wird der Ortsteil in den meisten Protokollen der Gründerzeit genannt) aus der Taufe zu heben.

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Das erste schriftliche Zeugnis von der Gründung des „Freiamts im Unterndorf“ (Auszug aus dem Protokoll)

hier die „Übersetzung“:

Bürger-Versammlung am 1ten Januar 1904 im Gasthaus zum Badischen Hof

Tagesordnung

       Gründung eines Frei-Amts im Unterndorf

Da von mehreren Bürgern des Unterndorfs der Wunsch schon öfters laut geworden ist um Gründung eines Frei-Amts, so wurde am 1sten Januar eine Bürger-Versammlung einberufen. Pius Hug wurde ersucht, die Versammlung zu eröffnen u. die Sache der Bürgerschaft klar zu legen. Derselbe referierte über Zweck des Frei-Amts, ein enges gemüthliches Familienleben zu füren, heißt das Sommerzeit durch ein Waldfest Winterzeit durch ein(en) Familienabend auch können mehrere Festlichkeiten gegeben werden richtet sich jedoch nach der Bürgerschaft u. nach der Kaße . Um obig angegebenes zur Ausführung zu bringen stellt der Vorsitzende den Antrag das monatlich ein[en] Beitrag von 5 Pf. zu entrichten sei, ebenso haben alle nachher eintretende ein Eintrittsgeld von 50 Pf. zu bezahlen. Die Versammlung erklärt sich damit einverstanden. Da nun hiermit das Frei-Amt gegründet ist, aber noch ohne Verwaltung, so wurde beschlossen auf 6ten Januar wieder eine Bürger-Versammlung einzuberufen u. die nöthigen Wahlen vorzunehmen, u. zwar soll gewählt werden
1. Ein[en] Bürgermeister
2. Sechs Gemeinderäthe
3. Ein[en] Gemeinderechner
4. Ein[en] Polizeidiener
5. Ein[en] Nachtwächter

 

Hier wird bereits das Waldfest und der Familienabend als feste Bestandteile des Programms erwähnt, doch können auch „mehrere Festlichkeiten gegeben werden richtet sich jedoch nach der Bürgerschaft und nach der Kaße.“ Als monatlichen Beitrag schlägt Hug 5 Pfennige vor, sowie ein „Eintrittgeld“ von 50 Pfennig. Dieser Beitrag wird bereits in der übernächsten Versammlung nach oben korrigiert, da „mit einem monatlichen Beitrag von 5 Pfennig nicht viel zu leisten sei.“ In den ersten Jahren zahlen die Bürger 10 Pfennige Monatsbeitrag und 2 Mark Eintrittsgeld. Das Eintrittsalter wird zunächst auf 20 Jahre später auf 16 Jahre festgesetzt. In der Gründungsversammlung wird auch bereits die Verwaltung des Freiamts festgelegt, die aus einem Bürgermeister, sechs Gemeinderäten, einem Gemeinderechner, einem Polizeidiener und einem Nachtwächter bestehen soll. Ein Schriftführer ist nicht vorgesehen, und so ist es ein Glücksfall, dass der eifrige und ehrgeizige Pius Hug – zunächst ohne eigenes Amt, später kurz als Vorstand der Gemeinde, dann als Aufsichtsbeamter – sämtliche Versammlungen und Sitzungen sehr genau protokolliert hat. In der Gründungsversammlung wird eine Schrift aufgesetzt „Inhalt der heutigen Versammlung dieselbe soll zirkulirt werden, alle anwesenden haben sofort ihren Namen unterschrieben. Bruno Hug erklärt sich bereit bei der übrigen Bürgerschaft herum zu gehen, um die Schrift zirkuliren zu lassen.“

Das Freiamt formiert sich

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Gründungsort und Rathaus der Freiamtsgenmeinde: Der „Badische Hof“ — heute der „Deutsche Hof“

Am Mittwoch, den 6. Januar (Dreikönig) findet die Bürgerversammlung statt, bei der die Wahlen für die vorgesehenen Ämter abgewickelt werden, und zwar alle „mit Aklamation“. Bürgermeister (im Amt bis 1914) wird Josef Moosmann, die sechs Gemeinderäte sind Joseph Aberle, Konstantin Pfundstein, Johann Baptist Schwer, Bruno Hug, Franz Pfundstein und Severin Hug. Als Gemeinderechner wird der Wirt des „Rathauses“ Badischer Hof Carl Oehler gewählt. Polizeidiener wird Andreas Pfaff und Nachtwächter wird Alfons Müller.

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Fast ohne Amt, aber zweifellos der wichtigste Mann der ersten Jahre:
Pius Hug

Der Name „Freiamt“ ist mit Sicherheit eine Entlehnung aus der Schramberger Nachbarschaft, wo sich 1899 das „Freiamt Tös“ formiert hatte. Dessen Statuten möchte man im Unterdorf auch gerne kopieren, und Pius Hug wird beauftragt, eine entsprechende Anfrage an diese Bürgervereinigung zu richten. Leider muss er mitteilen, dass „die Statuten vom Frei-Amt Tös nicht zu bekommen sind, da der Gemeinderath des dortigen Frei-Amts die Bewilligung nicht gegeben hat. So wurden nun vom Collegium die Statuten selbst beraten, welche der nächsten Versammlung vorzulegen sind.“ Auch dieses Statut – das dann am 14. Februar 1904 verabschiedet wird – ist im Originalwortlaut im Protokollbuch der ersten Jahre zu finden. Dass das Freiamt einen Bürgermeister an seiner Spitze hat, ist kein Affront gegen die politische Obrigkeit, denn das Gemeindeoberhaupt in jener Zeit heißt Schultheiß und zum Amtsinhaber Konrad Striegel haben die Unterdorfer ein gutes Verhältnis, was sich daran zeigt, dass dieser bei den Beratungen der „Freiamtsordnung“ mitwirkt und später beim ersten Familienabend mit seiner Bassstimme zum musikalischen Programm beiträgt. Striegel wird bereits am 7. Februar 1904 zum Ehrenbürger des Freiamts ernannt, „weil es der Anstand erfordert“. Die gleiche Ehrung erhält auch Kammfabrikant Arnold, „weil derselbe eine Fabrik in unserer Gemeinde stehen hat.“ Bei einer Sitzung des Unterdorf-Gemeinderats am 26. November 1905 (dem Konradstag) wird Schultheiß Striegels „Namenstag in Erinnerung gebracht und Demselben die Gratulation per Telefon überbracht.“ Die enge Anlehnung an die bürgerliche Gemeinde, bei der es neben dem Gemeinderat auch den Bürgerausschuss gab, zeigt sich auch daran, dass Protokollführer Hug die Sitzungen des Unterdorf-Gemeinderats als „Sitzung der Bürgerlichen Collegien“ bezeichnet, obwohl das Freiamt nur ein „Collegium“ hat.

Rege Vereinstätigkeit im Gründungsjahr

Das Gründungsjahr 1904 ist durch eine rege Tätigkeit des Gemeinderats und der gesamten Freiamtsbürgerschaft gekennzeichnet. So gibt es sieben Gemeinderatssitzungen und vier Bürgerversammlungen. Das satzungsmäßig vorgesehen Waldfest findet im Juni 1904 im „sogenannten Binsenwäldle“ im Meierhof statt und erbringt einen Reingewinn von 14,30 Mark. Der erste Familienabend ist am 22. Januar 1905 und es kommen 1 bis 1,10 Mark pro Bürger zur „Ausgabe. Zur Unterhaltung soll kommen Gesang, man soll Joseph Moosmann (Adlerwirt) ersuchen einige Lieder mit den Sangesfreunden vom Frei-Amt einzuüben. Mit diesem Gesuch an betreffenden wurde Herr Bürgermeister Moosmann beauftragt, ebenso sollen 1-2 kleinere Theaterstücke aufgeführt werden. Herr Schultheiß Striegel erklärt sich (bereit), ebenfalls auch einige Solo-Lieder mit Klavier Begleitung vorzutragen man möchte Herr Oberlehrer Amann darum ersuchen.“ Die Abrechnung des Familienabends – zugleich die Jahresabrechnung für das Jahr 1904 – ergibt einen Kassenrest von 11,06 Mark. Zum Adlerwirt Moosmann (dem „Glaser-Josef“), der kurze Zeit im Unterdorf wohnte, ehe er in den Adler einheiratete, hat man auch später noch gute Beziehungen, denn so mancher Herbstausflug der Freiamtsbürger jener Zeit führt zu ihm auf den Fohrenbühl.

Ordnung muss sein

Neben der Organisation des „engen gemütlichen“ Familienlebens spielt in der Gründerzeit die Polizeiordnung des Freiamts eine wichtige Rolle. Das Statut nennt die Aufgaben des Polizeidieners sehr genau: „Der Polizeidiener hat für Aufrechterhaltung der Ruhe zu sorgen, auch soll derselbe Nachtpatrollien machen. Alle Bürger vom Frei-Amt, welche von demselben nachts nach 12 Uhr in den Wirtschaften der Gemeinde angetroffen werden, müssen dem Bürgermeister angezeigt werden welcher ein Verzeichnis von denjenigen der Gemeindepflege übergibt diejenigen haben dann eine Strafe von 10 Pf zu bezahlen.“ Das Protokoll verzeichnet eine Reihe von Fällen, in denen der Polizeidiener tätig werden musste, bis hin zur Androhung des Ausschlusses, wenn die verhängte Strafe nicht bezahlt wurde. Polizeidiener Pfundstein wird 1913 von einzelnen Bürgern gerügt „wegen Flauheit seines Amtes Polizeistundübertretung betreffend, da zu wenig Strafgelder eingehen, Pfundstein verspricht derer Sache etwas besser nachzugehen.“

Krisenjahr 1906

Nach zwei sehr erfolgreichen und aktiven Jahren erschüttert eine kleine Krise die junge Vereinigung im Jahre 1906. Für dieses Jahr ist keine Jahreshauptversammlung protokolliert und nur einmal tagt der Gemeinderat und dabei müssen Klagen von Bürgern über zu geringe Schinkenportionen beim Familienabend abgeschmettert werden. In der Versammlung am 1. Januar 1907 werden zum ersten Mal der Bürgermeister und der Aufsichtsbeamte wiedergewählt und fünf der sechs amtierenden Gemeinderäte treten nicht mehr zur Wiederwahl an. Der Posten des Nachtwächters ist verschwunden, lediglich der Polizeidiener wird gewählt. Noch immer gibt es keinen Schriftführer. Zwar wurde im März 1905 der Gemeinderechner Carl Oehler zum Ratsschreiber bestimmt, aber die Protokolle stammen weiterhin aus der Feder von Pius Hug. Um das neue Gremium fest an sich zu binden, ordnet Bürgermeister Josef Moosmann eine sofortige „Beeidigung“ der Gemeinderäte an. Auch wird von jetzt an das rollierende System eingeführt, sodass jedes Jahr nur die Hälfte der Gemeinderäte neu zu wählen ist. Weitere Veränderungen sind die Abschaffung des Waldfestes, weil es in den letzten Jahren „zu keiner Zufriedenheit ausgefallen ist.“ Statt dessen wird der Monatsbeitrag auf 15 Pfennige angehoben. Einen Sonderbeitrag von 10 Pfennigen zahlen die Freiamtsbürger im Januar oder Februar, um den Freiamtskindern an der Fastnacht eine Brezel „verabreichen“ zu können. Überhaupt wird die Fastnacht immer wichtiger im Leben der Vereinigung, man trifft sich am Fastnachtsonntag zu einem Umzug und die Kinder müssen zum Dank für die gespendeten Brezeln „ein allgemeines Lied“ vor dem Rathaus (also dem Badischen Hof) singen.

Familienabend

Von 1908 bis 1913 heißt der Familienabend „Weihnachtsfeier“ und findet zunächst am Christtag
(25. 12.), später am 1. Januar und schließlich sogar erst im Februar statt. Seit 1911 gibt es die noch heute übliche Gabenverlosung, wobei 400 Lose zu 10 Pfennigen verkauft, und 60 Gewinne im Gesamtwert von 20 Mark ausgeschüttet werden. Die heute übliche Bezeichnung „Schinkenessen“ gibt es damals noch nicht, wohl aber wird bei den Festlichkeiten Schinken gegessen, und aufgrund der Fleischpreiserhöhung wird den 250 Gramm Schinken pro Bürger (das Pfund Schinken kostet 1910 1,40 Mark) „etwas Schinkenwurst beigegeben“. Gekauft wird „am hiesigen Platze“, nur einmal gibt es ein günstigeres Angebot aus Schramberg, das wahrgenommen wird. Zum Essen gibt es fünf Glas Bier, sodass schließlich pro Bürger (und das sind nur die Männer) fast der gesamte Jahresbeitrag von 1,20 Mark, später 1,80 Mark ausgegeben wird. Es ist auch genau festgelegt, dass nur wer zu der Festlichkeit erscheint, „sein Guthaben erhält….. ausgenommen nur diejenigen, welche zur Zeit an das Krankenbett gefesselt sind.“

1914

Die Sitzungen und Versammlungen der Bürgervereinigung finden fast alle im „Rathaus“, also im „Badischen Hof“ statt, einige wenige Veranstaltungen sind im „Waldhorn“. So ist auch die letzte Generalversammlung vor dem Ersten Weltkrieg am Donnerstag, den 1. Januar1914 im „Badischen Hof“ aber der für 1914 vorgesehene Familienabend soll im „Waldhorn“ stattfinden. Die Protokolle schweigen in den nächsten vier Jahren. Vielleicht mit einer Vorahnung der bevorstehenden Katastrophe des 1. Weltkriegs schließt Bürgermeister Moosmann die Besucher der letzten Versammlung mit „warmen Worten, das dieselben auch im kommenden Jahr wieder treu zusammen halten möchten.“

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Eines der ältesten Häuser im Unterdorf, das sagenumwobene „Alte Haus“ (heute Haus Weißer). In ihm soll schon Rochus Merz abgestiegen sein, wenn er auf seinen Jagdzügen nach Lauterbach kam.

 

Wiederbeginn nach dem Ersten Weltkrieg

Auf Veranlaßung des Gemeindepflegers (Johannes) Pfundstein wurde eine Versammlung der Bewohner der früheren Frei-Amtsgemeinde einberufen betr. Verwendung des noch in der Kaße befindlichen Betrags von M 43,68. Vierzig drei Mark 68 Pf.“ Dies geschieht am Sonntag, den 6. Juli 1919 im Gasthaus, das jetzt nicht mehr „Badischer Hof“ sondern – wie heute auch noch – „Deutscher Hof“ heißt. Etwa 50 Personen sind erschienen und fast einstimmig entscheiden sie sich für die Weiterführung der Bürgervereinigung Es beginnt die zweite Phase der Freiamtsgeschichte mit einigen von der alten Garde, aber auch sehr vielen neuen Kräften. Pius Hug, der das Freiamt gründete und in den ersten 10 Jahren organisatorisch betreute, ist 1918 gestorben, Josef Moosmann, der Bürgermeister der ersten zehn Jahre, ist ins „Ausland“, d.h. ins „Oberdorf“ gezogen. Der Wirt des „Rathauses“ Carl Oehler ist noch da und ihm als Schriftführer (später nennt er sich Ratsschreiber) verdanken wir die Protokolle der nächsten Jahre. Die alten Gemeinderäte Alois Ginter und Friedrich Moosmann lassen sich wieder ins Amt wählen. Dazu kommen als neue Gemeinderäte Karl Mark, Julius Schaub, der auch die Kasse übernimmt, Alfons Riesterer und Josef Herzog. Ohne sich lange zu zieren, übernimmt Heinrich Hirt das Amt des Bürgermeisters und Albert Waller wird Polizeidiener, der die Bürger nach neuestem Beschluss bereits um 11 Uhr aus der Wirtschaft beordern soll. Dem Polizeidiener wächst mehr und mehr eine neue Aufgabe zu. Als Büttel ist er auch zum „Ausschellen“ verpflichtet und kündigt wichtige Vorhaben der Gemeinschaft den Mitgliedern an. Der Monatsbeitrag wird auf 20 Pfennige festgesetzt und wie schon bei der Gründung soll wieder ein Schreiben zirkulieren, das die Unterdorfer zum Beitritt auffordert. Bis Ende Juli haben sich 95 Personen angemeldet und in den folgenden Jahren wächst die Zahl der Beitrittswilligen ständig. Schließlich erhöht man 1925, da „wieder ziemlich Neuanmeldungen eingegangen sind…“, die Zahl der Gemeinderäte von sechs auf acht.

Feste und Feiern in „teurer Zeit“

Mit Schinkenwurst und Brot wird das erste Freiamtsfest nach dem Krieg am Neujahrstag 1920 gefeiert und die Gesangsabteilung unter der Leitung von Ottmar Moosmann trägt ihre Lieder so stürmisch vor, dass „sich ein Orkan artiger Sturmwind erhob der Bäume entwurzelte, dieselbe(n) auf die elektrische Leitung warf & uns das Licht ausging. Wir mußten nun bei Kerzenlicht unsere Theaterstücke & sonstige weitere Unterhaltungen ausführen.“
Neben dem Freiamtsfest, das bald den Namen „Schinkenfest“ erhält, wird auch wieder ein Versuch mit einem Sommerfest gemacht, aber die „teuere Zeit“ der heraufdämmernden Inflation macht solche Unternehmungen immer schwieriger, wenn auch 1920 ein Extrabeitrag von 3.- Mark erhoben wird und bei Versammlungen Tellersammlungen durchgeführt werden. Zwei große Würste „als Ersatz für Schinken“ gibt es beim „Schinkenfest“ im Februar 1922, und „dieselben giengen 2 mal um den Stubenofen herum & in den Mund hinein. Vielleicht reicht es ein andermal zu einem Schinkenbein.“, reimt launig der Chronist Carl Oehler. Gerade in der schwierigen Wirtschaftslage vor und nach der Inflation von 1923 ist der Zusammenhalt in der Gemeinschaft von großer Bedeutung und immer wieder werden lustige Begebenheiten berichtet.

Inflation, Nazizeit und Zweiter Weltkrieg

Zu den Jahren 1923 und 1924 gibt es keine Aufzeichnungen, aber der Wille zum Zusammenhalt ist ungebrochen, wie man aus den zahlreichen Aktivitäten der Jahre 1925 und 1926 ersehen kann. Carl Oehler ist inzwischen Bürgermeister und Wilhelm Hirt, der Bruder des ersten Nachkriegsbürgermeisters, übernimmt das Amt des Ratsschreibers. Oehler wird am 7. März 1926 von Alfons Moosmann abgelöst. der das Freiamt in den nächsten Jahren führt, allerdings schweigen die Protokolle ab dem Jahr 1927.

Neubeginn 1949

Die Nazi-Zeit bringt das Verbot der Bürgervereinigung und erst nach dem Krieg erlauben die französischen Besatzungsbehörden die Wiedergründung, die dann 1949 vollzogen wird. Auch hier fehlen exakte Aufzeichnungen der ersten Jahre, aber die vorhandenen Kassenbücher weisen aus, dass das Freiamt Unterdorf wieder zahlreiche Mitglieder hat und zu alter Aktivität zurückgekehrt ist. Bürgermeister wird Eugen Hug, der das Amt mit einer einjährigen Unterbrechung bis 1959 inne hat. Seit 1954 sprudeln wieder die Informationsquellen. Ratsschreiber Anton Herzog (im Amt bis 1956) zeichnet mit viel Humor die zahlreichen Aktivitäten jener Zeit auf. Der Monatsbeitrag beträgt 30 Pfennige und wird von Unterkassierern (häufig monatlich) in bar eingezogen. Mit Luise King und Maria Schumann halten die ersten Frauen Einzug ins bisher von Männern beherrschte Gemeinderatsgremium, allerdings ohne einen amtierenden männlichen Gemeinderat herauszuboxen, denn erneut wird das Gremium einfach von sechs auf acht Mitglieder erhöht. Der Polizeidiener – jahrelang versieht Lorenz Fehrenbacher das Amt – waltet wieder seines Amtes und stärkt die Kasse durch eifrigen Einzug von Strafgeldern.

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LORENZ FEHRENBACHER ALS POLIZEIDIENER IM AMT von 1949 bis 1959

Groß ist in den fünfziger und sechziger Jahren das Engagement des Freiamts bei der Lauterbacher Fastnacht, neu ins Jahresprogramm wird die Nikolausbescherung für die Kinder, später auch für die Senioren, aufgenommen. Das Jahresfest heißt jetzt wie heute „Schinkenessen“, aber im Gegensatz zur Gründerzeit wird jetzt immer weniger Schinken gegessen.

Eine gewaltige Leistung der Gemeinschaft ist die Jubiläumsfeier zu 50jährigen Bestehen die am 20. November 1954 im „Vereinshaus“ stattfindet und viele hundert Zuhörer anlockt. Mit Beteiligung des Südwestfunks und dem Moderator Max Strecker, sowie zahlreichen Mitwirkenden von Rang und Namen wird ein großer Bunter Abend gestaltet, der großes Lob in der Presse erntet. Dieses Ereignis fällt in die einjährige Amtszeit von Hans Reichstadt als Freiamtsbürgermeister.

Eintrittskarte und Programm zum Festabend:

50jahre

 

Engagierte Frauen

Im Jahre 1959 übernimmt Gärtnermeister Josef Hug das Amt des Bürgermeisters, zunächst bis 1973. Er wird dann von Gustav Glück abgelöst, der zwei Jahre amtiert. Hug – inzwischen Ehrenbürgermeister – muss 1975 noch einmal antreten, ehe dann nach einer kleinen Krise im Juni 1977 Hildegard Riemann als Bürgermeisterin gewählt wird und mit 24 Jahren die längste Amtszeit als „Gemeindeoberhaupt“ absolviert. Im Jahre 2001 übernimmt Hildegard Riemanns Tochter Angelika Nowack das Bürgermeisteramt und führt die Bürgervereinigung bis heute. Seit den siebziger Jahren findet auf dem Festplatz am Gänsewegle das jährliche Gartenfest der Freiamtsgemeinde Unterdorf statt. 1987 erfährt der Platz mit der Einweihung des Gänsebrunnens – gestiftet vom Freiamt – eine Aufwertung. Mit viel Mühe hatte der damalige Bürgermeister Manfred Schlayer die wasserspeienden Gänse in Norddeutschland aufgetrieben, und in einer Losaktion im Unterdorf trägt die Einwohnerschaft zur Finanzierung dieses „Wahrzeichens“ bei.

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Der Gänsebrunnen am Gänsewegle

Ein weiteres Wahrzeichen wird 1994 zum 90jährigen Jubiläum geschaffen. Der Unterdorfbrunnen an der „Nahtstelle“ zwischen Unterdorf und Dorf wird unter großer Beteiligung der Bevölkerung eingeweiht und ist seitdem ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Feriengäste.

90jahre

Zum 90jährigen Bestehen des Freiamts wurde 1994 der Unterdorfbrunnen von Lauterbachs Bürgermeister Manfred Schlayer und Unterdorf-Bürgermeisterin Hildegard Riemann feierlich getauft.
Dazu kommen regelmäßige Ausflüge, die in jüngster Zeit zum festen Bestandteil des Freiamtsjahres geworden sind. In den siebziger und achtziger Jahren führt man auf Initiative von Anton Weber Glassammlungen durch, um die Kasse aufzubessern. Seit 1994 gibt es wieder ein sehr gut geführtes Protokollbuch. Gisela Milz löst die kommissarische Ratsschreiberin Hildegard Riemann ab, nennt sich Schriftführerin, und zeichnet liebevoll alle Aktivitäten der Bürgervereinigung auf. Die neue Bürgermeisterin Angelika Nowack macht- immer noch tatkräftig unterstützt von ihrer erfahrenen Mutter, die nicht gerne „Alt-Bürgermeisterin“ genannt wird – einen guten Job und führt das hundert Jahre alte Freiamt zielbewusst und dynamisch.